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Die Stimme der Stadt 30.09.2018 in Castrop-Rauxel

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Die Geschichten der Bürger auf einer ungewöhnlichen Bühne –  Eine Theater- und Musikperformance im Ratssaal von Arne Jacobsen

DIE STIMME DER STADT implantierte die Erzählungen der Bürger in das Herz der Stadt, dem Ratssaal. Über 100 Bürger gaben ihre Stimme ab, damit sie am 30. September im Ratssaal von Castrop-Rauxel zu hören war. Mit einem mobilen Tonstudio, der Story Box, tourte das Team der „mythen der moderne“ im Sommer durch die Stadtviertel und sammelte diese persönlichen Erzählungen und Anekdoten ein.

Die Vision, den Ratssaal zu einer Bühne zu mache­n, kam der Künstlerin Pia Janssen und der Schriftstellerin Bettina Erasmy bei einer Recherchereise zur Ruhrmoderne-Architektur. Die Stimmen der Bürger hörbar im Zentrum der politischen Macht, das würde die Ur-Idee des weltberühmten dänischen Architekten Arne Jacobsen reanimieren: Mit seiner Architektur lud er die Bürger in Castrop-Rauxel ein, am demokratischen Prozess teilzuhaben. Er baute den Ratssaal mit transparenten Glaswänden, die sich zum Europaplatz hin öffnen. Diesen Gestus griff das Projekt DIE STIMME DER STADT auf: Fünf Stunden lang, am Nachmittag des 30. September 2018 von 15:00 bis 20:00 Uhr, wurde der Ratssaal in eine Bühne für die "Stimmen dieser Stadt" verwandelt.

In der Inszenierung von Janssen und Erasmy mit neun Schauspielern, Tänzern und Sängern (von 9 bis 75 Jahre alt) und in der Klanginstallation aus Geräuschen der Stadt des Komponisten und Musikers Hannes Strobl wurden die Erzählungen lebendig. Zusätzlich hatte der Komponist Michael Emanuel Bauer, mit drei Chören aus Castrop-Rauxel und Bochum, den Raum des Ratssaales mit einer Klangkomposition aus ihrem Liedrepertoire erkundet.

Die Darsteller (nach Alter: Ida Olsowski, Bela Thiele, Maximilian Middeke, Antonia Bockelmann, Mike Olsowski, Sibylle Hellmann, Ralf Harster), sprachen, lasen und spielten die Erzählungen der Bürger. Den individuellen Geschichten begegnete die Figur der Stimme der Stadt mit Fakten aus der Historie Castrop-Rauxels und aktuellen Diskursen. Sie war einer antiken Theaterfigur entlehnt, die provozierend der Gesellschaft den Spiegel der Erkenntnis vorhält (Aischa-Lina Löbbert). Ihr Geist, ein koboldhafte Ariel-Figur (Francesca Best), verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Texte für die Figur DIE STIMME DER STADT schrieb Bettina Erasmy.

Wie an einem Tag der offenen Tür, war der Ratssaal frei zugänglich, und von diesem Treiben unabhängig, konnten unaufhörlich die Stimmen/ Geschichten der Stadt gehört werden. Während der Besucher im Ratssaal zuhörend verweilte, wurde der Ratssaal als Gesamtkunstwerk wahrgenommen. Das Erleben dieser hohen architektonischen Qualität, sowohl der Baustoffe wie auch der Verarbeitung, ist heute für öffentliche Gebäude kaum mehr denkbar. Dieses Zeugnis einer architektonischen Vision verknüpfte sich mit den Erzählungen der Bürger. Der Besucher fand sich in einem Resonanzraum wieder, in dem Sprache, Text, Musik und Klang zur Spurenlese einer Stadt wurden.

Die Musik- und Theaterperformance konnte sowohl mit leisen und lauten Tönen die Aufmerksamkeit der Bürger fesseln. Liebe, Natur, Bergbau, Heimat, Stadtentwicklung und Kindheit – die Spannweite der Themen in den mehr als hundert Tonaufnahmen war groß. Die heiteren, ernsten, kritischen und witzigen Stimmen bildeten ein vielfältiges Gesellschaftsbild einer heterogenen Stadtgemeinschaft ab.

Die Besucher konnten kommen und gehen, wann sie wollten: in den Sesseln des Plenarsaals sitzen, die Gänge im Ratssaal erkunden, auf dem Europaplatz vor dem Saal einen Imbiss nehmen oder einfach den O-Tönen der Bürger (anonym) lauschen. Geschichten und Musik wechselten einander ab und wurden immer wieder neu kombiniert. Das Konzept der Inszenierung, angeregt von dem amerikanischen Komponisten John Cage, baute auf einer Improvisation mit festen Regeln auf.

Hervorzuheben ist der Mut der Stadt, ihren Ratssaal, den symbolischen Ort der Demokratie, für ein solches Experiment für die Künstler und die Bürger zu öffnen. Die offene Gesellschaft hat Tradition in Castrop-Rauxel, als erste Europastadt nach dem Zweiten Weltkrieg setzt sie mit DIE STIMME DER STADT auch heute wieder ein Zeichen für das Miteinandersprechen und Zuhören.

Mit Kaffee und Kuchen (Stadteilverein Unser Rauxel), Pommes mit Currywurst (Frittenlabor Deluxe Dortmund) und dem Ausschank des in Castrop-Rauxel gebrauten Biers (Brauhaus Hotel Rütershoff), wollte DIE STIMME DER STADT ein Fest mit allen Bürgern feiern.

DIE STIMME DER STADT ist ein partizipatives, multimediales Musik- und Theaterprojekt. Es wurde entwickelt aus Anlass des Europäischen Denkmalschutzjahrs 2018 und im Rahmen des Projektes Big Beautiful Building, getragen von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW und der TU Dortmund, die den Bürgern die Qualität der Nachkriegsarchitektur mit lebendigen Formen vermitteln wollen.  Die NRW Stiftung und die Sparkassenstiftung Recklinghausen Vest unterstützten das Vorhaben.