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Space Invader in Marl

Großes Bassin, Foto: Georg Elben

Würde eines Nachts, alle Skulpturen entfernt, wer könnte am nächsten Morgen sagen wo welche gestanden hat?

Entlang des City-Sees, auf dem Creilerplatz und vor dem Rathaus Marl erzählen zehn Hörstücke vom eigenen und fremden Blick auf die Skulpturen in der Stadt. Geschichten entstehen und verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander und werden so dem Narrativ der Skulptur habhaft. Der akustische Parcour entlang der Skulpturen vermittelt zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren. Der Hörer wird Teil der Geheimnisse der Kunstwerke.

Im Herbst 2015 verschwanden zehn Skulpturen im Aussenraum des Skulpturenmuseums Marl unter silbernen, hölzernen Umhausungen der Künstlerin Pia Janssen. Während der Zeit der umhüllten Skulpturen interviewte sie, gemeinsam der Schrifstellerin Bettina Erasmy zufällig vorbei gehende Passanten zu der Kunst am im Aussenraum des Museums. Dieses Tonmaterial und Fakten über die Bildhauer und ihre Zeit waren die Grundlage für die Kurzgeschichten die Bettina Erasmy für jede Skulptur schrieb. In der Regie von Pia Janssen entstanden 10 Hörstücke mit der Musik von Block Barley und 10 Sprecher*innen, die sich zu einem Hörparcour verdichten.

Zu den Hörstücken:
https://guidemate.com/g/Skulpturenmuseum-Marl-SPACE-INVADER-5e5582c5f177431defba22cd

Space Invaders, Georg Elben

Im öffentlichen Raum von Marl stehen etwa 100 Skulpturen, die meisten in der Nähe des Rathauses und um den benachbarten See. Die meisten stammen aus der Blütezeit der Stadt, als Marl in der Nachkriegszeit durch zwei florierende Zechen und die Chemischen Werke Hüls eine der prosperierendsten Gemeinden Westdeutschlands war. Viele die Sammlung des Museums definierende Werke stammen aus dieser frühen Zeit, sie bilden den Kernbestand des Skulpturenmuseums, und sind im kollektiven Bewusstsein der Stadt verankert.

Die Auffrischung der Wahrnehmung, das wieder Sichtbarmachen des eigentlich Sichtbaren (der Skulpturen), und so Kunst-Geschichten neu zu erzählen war das künstlerische Ziel der in einem langen Bogen um den Citysee aufgestellten hölzernen Objekte der Kölner Künstlerin Pia Janssen. Die zehn silberfarben lackierten und asymmetrisch geformten Polyeder, die Space Invader, sind Teil einer als partizipatorische Stadtrauminszenierung angelegten Installation. Die silbern angestrichenen Konstruktionen dienten jeweils als „Umhausung“ für eine der zahlreichen Skulpturen. Die kubistisch-kristallin gestalteten Einhausungen zitieren jene berühmten geodätischen Kuppeln, die als „Tensegrity“ bekannten Konstruktionen von Richard Buckminster Fuller, der in den 1960er-Jahren selbsttragende Strukturen entwickelte, die auf geometrischen Grundformen basieren, um bei minimalem Materialaufwand maximale konstruktive Stabilität zu erzielen.

Bei Janssens im wörtlichen wie im übertragenen Sinn facettenreichen Konstruktionen aus Sperrholzplatten handelt es sich um vor Ort gefertigte Gehäuse im öffentlichen Raum. Zugleich sind sie selbst abstrakte plastische Arbeiten, die die Positionen der von ihnen umhüllten Skulpturen für den eigenen Auftritt okkupiert haben. An vier Stellen blieben sie tatsächlich leer und thematisieren damit nicht nur die eigene Autonomie, sondern auch die Imagination, denn jeder Besucher fragte sich, unter welcher hölzernen Konstruktion keine Skulptur versteckt war.

Die zweite Ebene von Janssens Projekt war ein Hörparcours mit musikalisch untermalten Geschichten für jede überbaute Skulptur. Grundlage der Hörstücke waren Interviews, die Janssen und die Berliner Schriftstellerin Bettina Erasmy mit Einwohnern Marls zu ihren Erinnerungen an die temporär nicht sichtbaren Skulpturen geführt haben. Erasmy hat das gesammelte Material dann genutzt, um zehn lyrisch-narrative Texte zu schreiben. Die mediale Präsenz des Projekts bleibt auch nach der inszenierten Zerstörung der Space Invaders in einem großen Feuer als Hörparcours und im Internet dauerhaft erhalten.